Historische Parallelen?

Deutschlands Drängen zum Krieg in den 30er Jahren und der gegenwärtige Krieg der Cheney-Bush-Regierung

Loren Goldner
(Maerz 2003)


In den letzten Wochen wurde des öfteren auf die innenpolitischen und ökonomischen Parallelen zwischen Deutschland 1938 und der USA vor dem zweiten Krieg gegen den Irak verwiesen. Ich denke, innenpolitisch läßt sich trotz der deutlichen Verschärfung der Immigrationsgesetze, der Außerkraftsetzung einiger Verfassungsrechte für »Terrorismusverdächtige«, dem Home Security Act usw. nicht von einer »Faschisierung« sprechen [...] Allerdings sehe ich deutliche Parallelen auf ökonomischer Ebene, speziell die strukturelle Ähnlichkeit zwischen den MEFO-Wechseln Hjalmar Schachts (damaliger Reichswirtschaftsminister) und der Kreditpyramide der US-Ökonomie springen ins Auge. (Mefowechsel waren Wechsel der privaten Metallforschungsgesellschaft [MEFO], die zunächst mit 100.000 Reichsmark kapitalisiert waren und über die zwischen 1933 und 1938 vier Mrd. RM Kredit aus der Luft geschaffen wurden, d.h. in einem Verhältnis von 40 000:1. Diese Gelder flossen alle in die Aufrüstung).

Zwischen Deutschland 1938 und den USA 2003 gibt es augenfällige Parallelen. Die wichtigste davon ist der Aufbau einer extremen Kreditpyramide, verbunden mit der Rüstungsproduktion und der Notwendigkeit, das beteiligte Kapital zu verwerten, indem der materielle Plünderungszugriff ausgeweitet wird. Trotz großer Repression an der inneren Front (Ashcroft, Propaganda [von] Tausenden von Abschiebungen), herrscht in den USA ganz gewiss kein faschistisches politisches Regime. Das gegenwärtige Mobilisierungsniveau gegen den kommenden Krieg mit Massendemonstrationen im Oktober, Dezember und am 15. Februar, mit Stadträten und Gewerkschaften, die Resolutionen gegen den Krieg verabschieden - alles, bevor der Schießkrieg überhaupt beginnt -, ist kaum das, was man unter einem faschistischen Regime erwarten würde, und (auf der jetzigen Stufe) viel weiter als das, was während der Vietnam-Ära geschah.

Es stimmt, dass die Rüstungsproduktion - vor dem 11. September - weniger wichtig für die US-Wirtschaft war als in den 80er Jahren oder in Deutschland in den 30er Jahren. Aber Bushs Zehnjahresplanungen für die Wiederbewaffnung der USA halten jedem Vergleich mit dem Kalten Krieg stand und drehen diesen Trend um.

Abgesehen davon: Wenn die USA heute nicht imperialistisch sind, mit Truppen und laufenden militärischen Operationen in 100 Ländern, dann weiß ich nicht, was das Wort bedeutet.

Einige orthodoxe Marxisten wenden ein, dass der Dollar eine Währung wie jede andere (z.B. der Euro oder der Yen) sei und dass Amerikas 2-Billionen-Dollar-Nettoverschuldung und der Status des Dollar als Reservewährung unwichtig seien. Aber wenn man die Frage so angeht, dann behandelt man das Geld letztlich ricardianisch, d.h. als bloßen Schleier über dem »wirklichen« Warentausch. Aber Geld als Kapital im Verwertungsprozess G-W-G' ist nicht bloß ein Schleier, sondern nimmt über den Geschäftskreislauf zunehmend eine fiktive, neben dem Kapital, das die »wirkliche« Warenproduktion darstellt, ebenfalls Verwertung fordernde Komponente an. Noch einmal: Die USA haben gegenwärtig nach den vorsichtigsten Schätzungen eine Nettoaußenverschuldung von über zwei Billionen Dollar, d.h über 20 Prozent ihres BIP, und sind damit vergleichbar mit einem verschuldeten Dritte-Welt-Land (diese Zahl ergibt sich, wenn man die acht Billionen Dollar Gesamtanlagen der USA im Ausland von den 10 Billionen Dollar abzieht, die Ausländer zur Zeit in den USA investiert haben). Das ist ein weiterer wichtiger Unterschied zum Deutschland der 30er Jahre, da in der damals herrschenden strengen Autarkie nur die schwächsten Länder ihre Handelüberschüsse gegenüber Deutschland in Reichsmark halten mussten und Naturalientausch eine verbreitete Form des internationalen Handels war. Außerdem hatte Deutschland seine internationalen Schulden aus dem Versailler Vertrag und den Kriegsreparationen einseitig gestrichen.

Der Dollar ist seit 1945 die Weltreservewährung Nr. 1. Er fing an als »Papiergold«, das Gläubiger der USA »so gut wie Gold« in Reserve halten konnten; ab 1971 zahlten die USA ihre Gläubiger nicht mehr auf Wunsch in Gold aus, und der Dollar wurde zu »Papierpapier«. Vielleicht werden der Yen und der Euro ihm irgendwann Konkurrenz machen, aber es wird noch lange dauern, bevor Japan oder Europa die USA militärisch oder politisch herausfordern können, und eine Reservewährung ist nicht bloß ein »ökonomisches« Phänomen.

Seit Ende der 50er Jahre gibt es zunehmende Auseinandersetzungen im internationalen Währungs- und Finanzsystem, denn seitdem wächst die Außenschuld der USA und mit ihr das Handels- und Zahlungsbilanzdefizit der USA. Ein Großteil der internationalen Politik der USA läuft darauf hinaus, ausländische Dollarbesitzer dazu zu zwingen, eben das zu bleiben, und zeigt damit, dass Geld eben nicht bloß ein »Schleier« über dem wirklichen Warenaustausch, sondern eine Fiktion ist, hinter der die gesamte imperiale (d.h. auch politische und militärische) Position der USA steht. In die USA bewegen sich wirkliche Waren, und im Ausland werden grüne Papierscheine akkumuliert; dies ist eine weit raffiniertere Form der Ausplünderung des Reichtums der Welt als Deutschlands Sklavenarbeitsprogramme in Osteuropa nach 1938.

Die Politik der USA - besonders seit dem Ende von Bretton Woods (1971-73) - zielt darauf ab, diese Plünderungsfähigkeit zu steigern. Mit Plünderung meine ich nicht mehr (und nicht weniger) als den Zugriff auf Reichtum über den »normalen« Warentausch hinaus.

Durch den unilateralen Bruch von Bretton Woods werteten die USA die Dollarbestände in ausländischem Besitz um 10 oder 20 Prozent ab; der 20-prozentige Fall des Dollar im letzten Jahr hatte ein ähnliches Ergebnis. Sowohl Deflation als auch Inflation bedeuten nicht nur eine Änderung von Preisschildern auf Waren, denn es ändern sich nicht alle Waren gleichermaßen. Eine Deflation bestraft Schuldner (weil sie mehr verdienen müssen, um ihre Schulden zurückzuzahlen) und belohnt Gläubiger (weil ihre Außenstände wertvoller werden); eine Inflation bestraft Gläubiger (weil ihre Darlehen an Wert verlieren) und belohnt Schuldner (weil sie ihre Schulden billiger zurückzahlen können). Hier ist das Geld ganz klar nicht nur ein Schleier; Geldpolitik bedeutet eine Umverteilung von Reichtum. Am Ende der großen Inflation von 1923 in Deutschland war die Industrie ihre Schulden los, und die ArbeiterInnen hatten ihre Kaufkraft durch Arbeitskämpfe wahren können, aber die deutschen Mittelschichten, die den ersten Weltkrieg mit ihren Ersparnissen finanziert hatten und keine echte kollektive Kampfkraft hatten, wurden ruiniert.

Greenspan und die Federal Reserve Bank haben fast ihr ganzes Pulver verschossen. Sie haben die Zinsen fast auf Null gesenkt, und die Refinanzierung von Eigenheimhypotheken hat der Mittelschicht mehrere hundert Milliarden Dollar an zusätzlicher Kaufkraft eingebracht. Die zunehmende Verschuldung der US-Konsumenten ist seit Jahren die »Lokomotive« der Weltwirtschaft. Wenn diese Notmaßnahmen ihren Schwung verlieren, dann lässt sich ein deflationärer Zusammenbruch nur noch durch das Ankurbeln der Notenpresse, d.h. durch die »Bestrafung der Gläubiger«, besonders der ausländischen Gläubiger, verhindern. Die Waren, die von diesen Dollars im ausländischen Besitz repräsentiert werden, werden »gratis« in die USA gekommen sein.

Seit dem Ende von Bretton Woods und besonders seit 1980 besteht die Politik der USA in einer immer größeren Ausweitung ihres Zugriffs zur Plünderung von Reichtümern im Ausland (d.h. wiederum der zusätzlichen Steigerung von »Gratis«-Reichtum durch Währungsschwankungen), durch gewaltsame Öffnung der merkantilen Nationen und Blöcke: Europa, Japan und die Tiger (durch die Asienkrise), Osteuropa, Russland, Lateinamerika. Die IWF/Weltbank-Rezepte für »Freihandel« und »Transparenz« laufen letztlich auf die Abschaffung staatlicher Hürden für die Verwertung des US-Kapitals hinaus. Das Kapital dehnt sich aus, und die Gesellschaft geht zurück.

Deutschland war 1938 eng umzingelt von anderen Imperialismen (vor allem Britannien, Frankreich und den USA), während die USA seit 1971 immer ungehinderten »globalen Zugriff« auf ihre Plünderungsmechanismen genießen. In China und Indien, wo noch große Reichtümer zu holen sind, stellen die dortigen merkantilen Strukturen eine Hürde für das Plündern dar, genau wie die Politik der USA auf der eurasischen Landmasse eben darauf abzielt, die relative Isolation dieser Region zu beenden.

Das ist der Kern der Parallele zu Deutschland 1938, wobei die Veränderung der Größenordnung der weltbeherrschenden Stellung der USA entspricht.



USA: Nach der Inflation kommt die Deflation

Loren Goldner
(Juni 2003)


Deutschland befindet sich am Rande einer Deflation, Japan bereits mittendrin, und auch in den USA wird diese Möglichkeit immer breiter diskutiert. Es ist also an der Zeit, die Frage von Deflation oder Inflation vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Konjunktur anzugehen. Ich sehe zumindest für die USA den Ausbruch einer Inflation voraus, auf die eine letztmalige weltweite Deflation folgen wird. Daraus ergibt sich schließlich das Schreckgespenst einer SchuldenDeflations-Krise, wenn bei einem weltweiten Sinken der Preise enorme Schuldenbeträge bestehen bleiben. Denn nicht alle Schulden schrumpfen mit dem Sinken der Preise, und wie Japan gezeigt hat, können einige davon durch institutionelle Intervention für sehr lange Zeit am Deflationieren gehindert werden. (Das ist die eigentliche analytische Bedeutung des Konzepts des fiktiven Kapitals.) Die US Federal Reserve Bank wird versuchen tatsächlich versucht sie das schon seit Januar 2001 energisch -, noch einen weiteren Kreditschub loszutreten, um den Kollaps abzuwenden, denn das ist der einzige Trick, den sie kennen, und immerhin hat er die Liquidität seit der Panik im Herbst 2002 enorm verbessert. Natürlich hat die Fed das Ganze nicht wirklich unter Kontrolle. Der Bestand an US-Dollars im Ausland wird auf zehn Billionen geschätzt, dazu kommen drei Billionen Auslandsverschuldung, so dass ein ernsthaftes Fallenlassen des Dollar durch Ausländer, wenn in den USA die Inflation zunimmt, den bereits seit einem Jahr in größerem Ausmaß stattfindenden Rückzug aus dem Dollar sicherlich beschleunigen wird. Wenn aus diesem Rückzug aus dem Dollar ein Davonstürzen wird, wird die Fed entweder schleunigst die Zinssätze anheben und damit die Binnendeflation verstärken, oder drastische Maßnahmen ergreifen müssen, um die Dollarbestände im Ausland zu entwerten. (Auf sanfte Art geschah das 1971 durch Nixons Auflösung von Bretton Woods, aber heute geht es um viel mehr.) Im Jahr 1980, als der Goldpreis je Unze von 168$ im Jahr 1978 auf 900$ stieg, wurde geschätzt, dass eine Rückkehr zum Goldstandard (ein höchst hypothetisches Gedankenexperiment) einen Goldpreis von 2 000$ die Unze erforderte, um alle Dollaraußenstände zu decken. Zur Erinnerung: 1980 waren die USA immer noch ein Kreditgeberland. Das änderte sich erst 1984, und wir können uns kaum vorstellen, wie teuer Gold heute sein müsste, um damit alle Dollaraußenstände zu decken. Natürlich ist solch eine drastischer Schritt höchst unwahrscheinlich, denn das wäre gleichbedeutend damit, eine exorbitante Deflation in den Rest der Welt zu exportieren und würde quasi eine Autarkie der USA innerhalb eines weltweiten deflationären Zusammenbruchs erfordern. Wir dürfen nicht vergessen, dass die deflationären Erfahrungen in Deutschland und Japan die Erfahrungen von Kreditgeberländern sind, und noch dazu von Ländern, die die Auswirkungen der kreditfinanzierten Verschwendungssucht der USA tragen. Im wesentlichen hatte die Welt seit 1945 durch das System von Bretton Woods einen Dollarstandard, der letztendlich durch die Verschuldung der US-Regierung gedeckt war. Bis 1971 verfügte dieses System auch über eine Deckung durch Goldreserven. Seit 1971 besteht die einzige Deckung in der Kreditwürdigkeit des Staates USA. In diesem Zusammenhang ist einer Erwähnung wert, dass das Weiße Haus Ende Mai zugab, einen Bericht des US-Finanzministeriums unterdrückt zu haben, der eine Staatsverschuldung in Höhe von 42 Billionen voraussagte, und zwar genau zu der Zeit, als die Bush-Regierung 800 Milliarden Steuersenkungen über die nächsten zehn Jahre durchsetzt. Ganz entscheidend für das heutige Weltfinanzsystem ist die Tatsache, dass Ausländer Dollar halten, und zwar in der Form von Schuldverschreibungen der USRegierung, US-Aktien und -Pfandbriefen, sowie von Direktinvestitionen in den USA. Und es ist dieses Dollar-Recycling der negativen US-Zahlungsbilanz (die für 2003 auf die 500 Milliarden zugeht), das das pyramidenhafte Aufschichten von Schulden auf der Ebene des Bundes, der Einzelstaaten, der Städte und Firmen sowie Privathaushalte erst ermöglicht. Die Gesamtverschuldung (ohne die des Bundes) wird geschätzt auf 20 Billionen oder das Doppelte des Bruttoinlandsprodukts. China und Japan sind heute die beiden Hauptkreditgeber aus dem Ausland mit zusammen etwa einer Billion Dollar. Wenn sie und andere Gläubiger der USA ihre Dollars verkaufen, bricht diese ganze Pyramide der US-Binnenverschuldung zusammen. Die Fed jedoch tut derweil alles in ihrer Macht Stehende, um die internen Kreditblasen in den USA aufzublähen, vor allem durch Maßnahmen wie die Finanzierung von Hypotheken, die den Mittelklassen in den letzten Jahren zig Milliarden Dollar Kredit zur Verfügung stellte und dadurch eine Immobilienblase verursachte, die den Vergleich mit der Hightech-Blase zuvor und der langsam Luft verlierenden Dollarblase nicht zu scheuen braucht. Mit einem massenhaften Rückzug von Ausländern aus dem Dollar wird die Welt aus der Deflation in die Depression übergehen. Seit den 1960ern arbeitet die Welt unter einem bankrotten Dollarsystem. Im März 1968, im Sommer 1974 und vielleicht 1979 war die Welt nahe an einer Flucht aus dem Dollar, die schon damals die Depression ausgelöst hätte. Verhindert wurde das nur durch eine Kreditpyramide, die zu der Zeit selbst kluge Analysten durch ihre Riesenhaftigkeit in Erstaunen versetzte, kombiniert mit einem erfolgreichen Angriff auf den Lebensstandard in den USA, der für 80 Prozent der Bevölkerung in einer Größenordnung von 20 Prozent gesenkt wurde. Wie wir an den Irakkriegen 1991 und 2003 gesehen haben, die beide nicht zufällig am Tiefpunkt einer US-Rezession stattfanden, dürfen wir die politische Dimension des Krisenmanagements niemals unterschätzen. Es wird kein ausschließlich wirtschaftliches Phänomen sein. In den 1960ern und 1970ern exportierten die USA ihre Inflation, und jetzt werden sie ihre Deflation exportieren. Die Politik, die sie in Eurasien entwickelt haben, mit der militärischen Einkreisung Russlands und Chinas (gerade in jüngster Zeit mit der Ankündigung von Stützpunkten in Polen und Rumänien), enthüllt ein ungeheures Potential für zukünftiges Krisengeschrei. Als England in den 1930ern pleite ging, stand das US-Kapital bereits auf der Matte. Heute gibt es keine Macht, die die USA ersetzen könnte. Das bedeutet, dass nur eine Antwort der Arbeiterklasse einen erfolgreichen Ausweg aus einer Implosion der USA bieten kann. Loren Goldner, Juni 2003Die bisher letzte Auflage des American Dream: Dollarstatue aus alten Computermonitoren bei San Jose (Silicon Valley)
USA: Nach der Inflation kommt die Deflation Deutschland befindet sich am Rande einer Deflation, Japan bereits mittendrin, und auch in den USA wird diese Möglichkeit immer breiter diskutiert. Es ist also an der Zeit, die Frage von Deflation oder Inflation vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Konjunktur anzugehen. Ich sehe zumindest für die USA den Ausbruch einer Inflation voraus, auf die eine letztmalige weltweite Deflation folgen wird. Daraus ergibt sich schließlich das Schreckgespenst einer SchuldenDeflations-Krise, wenn bei einem weltweiten Sinken der Preise enorme Schuldenbeträge bestehen bleiben. Denn nicht alle Schulden schrumpfen mit dem Sinken der Preise, und wie Japan gezeigt hat, können einige davon durch institutionelle Intervention für sehr lange Zeit am Deflationieren gehindert werden. (Das ist die eigentliche analytische Bedeutung des Konzepts des fiktiven Kapitals.) Die US Federal Reserve Bank wird versuchen tatsächlich versucht sie das schon seit Januar 2001 energisch -, noch einen weiteren Kreditschub loszutreten, um den Kollaps abzuwenden, denn das ist der einzige Trick, den sie kennen, und immerhin hat er die Liquidität seit der Panik im Herbst 2002 enorm verbessert. Natürlich hat die Fed das Ganze nicht wirklich unter Kontrolle. Der Bestand an US-Dollars im Ausland wird auf zehn Billionen geschätzt, dazu kommen drei Billionen Auslandsverschuldung, so dass ein ernsthaftes Fallenlassen des Dollar durch Ausländer, wenn in den USA die Inflation zunimmt, den bereits seit einem Jahr in größerem Ausmaß stattfindenden Rückzug aus dem Dollar sicherlich beschleunigen wird. Wenn aus diesem Rückzug aus dem Dollar ein Davonstürzen wird, wird die Fed entweder schleunigst die Zinssätze anheben und damit die Binnendeflation verstärken, oder drastische Maßnahmen ergreifen müssen, um die Dollarbestände im Ausland zu entwerten. (Auf sanfte Art geschah das 1971 durch Nixons Auflösung von Bretton Woods, aber heute geht es um viel mehr.) Im Jahr 1980, als der Goldpreis je Unze von 168$ im Jahr 1978 auf 900$ stieg, wurde geschätzt, dass eine Rückkehr zum Goldstandard (ein höchst hypothetisches Gedankenexperiment) einen Goldpreis von 2 000$ die Unze erforderte, um alle Dollaraußenstände zu decken. Zur Erinnerung: 1980 waren die USA immer noch ein Kreditgeberland. Das änderte sich erst 1984, und wir können uns kaum vorstellen, wie teuer Gold heute sein müsste, um damit alle Dollaraußenstände zu decken. Natürlich ist solch eine drastischer Schritt höchst unwahrscheinlich, denn das wäre gleichbedeutend damit, eine exorbitante Deflation in den Rest der Welt zu exportieren und würde quasi eine Autarkie der USA innerhalb eines weltweiten deflationären Zusammenbruchs erfordern. Wir dürfen nicht vergessen, dass die deflationären Erfahrungen in Deutschland und Japan die Erfahrungen von Kreditgeberländern sind, und noch dazu von Ländern, die die Auswirkungen der kreditfinanzierten Verschwendungssucht der USA tragen. Im wesentlichen hatte die Welt seit 1945 durch das System von Bretton Woods einen Dollarstandard, der letztendlich durch die Verschuldung der US-Regierung gedeckt war. Bis 1971 verfügte dieses System auch über eine Deckung durch Goldreserven. Seit 1971 besteht die einzige Deckung in der Kreditwürdigkeit des Staates USA. In diesem Zusammenhang ist einer Erwähnung wert, dass das Weiße Haus Ende Mai zugab, einen Bericht des US-Finanzministeriums unterdrückt zu haben, der eine Staatsverschuldung in Höhe von 42 Billionen voraussagte, und zwar genau zu der Zeit, als die Bush-Regierung 800 Milliarden Steuersenkungen über die nächsten zehn Jahre durchsetzt. Ganz entscheidend für das heutige Weltfinanzsystem ist die Tatsache, dass Ausländer Dollar halten, und zwar in der Form von Schuldverschreibungen der USRegierung, US-Aktien und -Pfandbriefen, sowie von Direktinvestitionen in den USA. Und es ist dieses Dollar-Recycling der negativen US-Zahlungsbilanz (die für 2003 auf die 500 Milliarden zugeht), das das pyramidenhafte Aufschichten von Schulden auf der Ebene des Bundes, der Einzelstaaten, der Städte und Firmen sowie Privathaushalte erst ermöglicht. Die Gesamtverschuldung (ohne die des Bundes) wird geschätzt auf 20 Billionen oder das Doppelte des Bruttoinlandsprodukts. China und Japan sind heute die beiden Hauptkreditgeber aus dem Ausland mit zusammen etwa einer Billion Dollar. Wenn sie und andere Gläubiger der USA ihre Dollars verkaufen, bricht diese ganze Pyramide der US-Binnenverschuldung zusammen. Die Fed jedoch tut derweil alles in ihrer Macht Stehende, um die internen Kreditblasen in den USA aufzublähen, vor allem durch Maßnahmen wie die Finanzierung von Hypotheken, die den Mittelklassen in den letzten Jahren zig Milliarden Dollar Kredit zur Verfügung stellte und dadurch eine Immobilienblase verursachte, die den Vergleich mit der Hightech-Blase zuvor und der langsam Luft verlierenden Dollarblase nicht zu scheuen braucht. Mit einem massenhaften Rückzug von Ausländern aus dem Dollar wird die Welt aus der Deflation in die Depression übergehen. Seit den 1960ern arbeitet die Welt unter einem bankrotten Dollarsystem. Im März 1968, im Sommer 1974 und vielleicht 1979 war die Welt nahe an einer Flucht aus dem Dollar, die schon damals die Depression ausgelöst hätte. Verhindert wurde das nur durch eine Kreditpyramide, die zu der Zeit selbst kluge Analysten durch ihre Riesenhaftigkeit in Erstaunen versetzte, kombiniert mit einem erfolgreichen Angriff auf den Lebensstandard in den USA, der für 80 Prozent der Bevölkerung in einer Größenordnung von 20 Prozent gesenkt wurde. Wie wir an den Irakkriegen 1991 und 2003 gesehen haben, die beide nicht zufällig am Tiefpunkt einer US-Rezession stattfanden, dürfen wir die politische Dimension des Krisenmanagements niemals unterschätzen. Es wird kein ausschließlich wirtschaftliches Phänomen sein. In den 1960ern und 1970ern exportierten die USA ihre Inflation, und jetzt werden sie ihre Deflation exportieren. Die Politik, die sie in Eurasien entwickelt haben, mit der militärischen Einkreisung Russlands und Chinas (gerade in jüngster Zeit mit der Ankündigung von Stützpunkten in Polen und Rumänien), enthüllt ein ungeheures Potential für zukünftiges Krisengeschrei. Als England in den 1930ern pleite ging, stand das US-Kapital bereits auf der Matte. Heute gibt es keine Macht, die die USA ersetzen könnte. Das bedeutet, dass nur eine Antwort der Arbeiterklasse einen erfolgreichen Ausweg aus einer Implosion der USA bieten kann. Loren Goldner, Juni 2003Die bisher letzte Auflage des American Dream: Dollarstatue aus alten Computermonitoren bei San Jose (Silicon Valley)

(Dieser Text ist vom Site Break Their Haughty Power http://home.earthlink.net/~lrgoldner)