Donnerstag, 28. August 2008

Vom Unkrautjäten

Und schon wieder sind ein paar Monate vergangen... Aber immer passiert eben auch nicht was und bei mir ist in letzter Zeit ausser Arbeit wirklich nicht viel passiert. Obwohl, in der Arbeit passiert natürlich schon immer was. Das ist das Gute an der Arbeit in der Bücherei; man kann ein total langweiliges Leben habe und hat trotzdem immer was zu erzählen. Was ich im Moment gerne hätte, wäre Urlaub, aber das ist leider nicht drin. Den hätte ich im Januar oder so beantragen müssen und so weit im Voraus konnte ich das nicht entscheiden. Ich habe aber aus meinen Fehlern gelernt und habe im Juli schon mal Urlaub im Januar und März beantragt. Den habe ich sogar gekriegt, obwohl ich in der Hackordnung – genannt seniority list – ganz unten stehe. Aber nicht mehr, denn wir haben seit Anfang August eine neue Bibliothekarin! Das ist das Schöne (oder Unheimliche?) an so bürokratischen Organisationen; man muss nur lange genug dabei bleiben und irgendwann ist man ganz oben, egal ob man hart arbeitet oder nicht. Aber so schlimm ist est nicht. Im Oktober kriege ich auch 2 Tage frei und mit den ganzen Feiertagen, die da noch kommen, halte ich es schon bis Januar aus. Da wollen Anselm und ich nämlich nach Taiwan. Ich bin schon sehr gespannt, den wir waren beide seit über 10 Jahren nicht mehr da.

Manchmal komme ich mir in der Bücherei vor, als ob ich Teil einer Sitcom wäre. Ich meine, wo sonst als im Fernsehen, kommt einer 5 Minuten vor Schluß in die Bücherei gehetzt, rennt zu einer Bibliothekarin und fragt, ganz außer Puste, ob wir das Buch “No Time to Lose” haben? Doppelt ironisch dabei war dann noch, dass es sich bei besagtem Buch um ein Buch über buddhistische Lebensweisheiten handelt und darin bestimmt davon die Rede ist, dass man sich eben nicht abhetzen soll. Zum Thema Buddhismus und Lebensweisheiten fällt mir gleich noch etwas ein. Wir müssen – weil wir einfach aus allen Nähten platzen – ständig Bücher aussortieren, damit wir Platz für die neuen Bücher haben. Da haben wir also letztens die asiatischen Philosophiebücher aussortiert und ich kann euch garnicht sagen, wieviele davon mit Bleistift, Kugelschreiber, Filzstift und Leuchtmarker in allen Farben unterstrichen und beschrieben waren. Da liest man also ein Buch zur Selbstfindung und Erleuchtung und schafft es noch nicht mal den eigenen Egoismus soweit in Schach zu halten, dass man die Büchereibücher für andere Leser in gutem Zustand erhält? Oder halten die Leute sich vielleicht sogar noch für hilfsbereit? Schau her, ich habe schon alles wichtige unterstrichen, den Rest kannst du dir sparen? Interessant ist dann noch, dass das meistens nur im ersten Viertel oder Drittel eines Buches passiert. Tritt dann die Erleuchtung ein und der Leser versteht, dass er das nicht machen soll? Oder gibt er ganz einfach auf und nimmt sich – mit Bleistift, Kugelschreiber, Filzstift und Leuchtmarkern in allen Farben bewaffnet – einen neuen Selbsthilfetitel vor? Das Aussortieren von Büchern heißt auf Englisch übrigens “weeding” also Unkrautjäten. Und ich finde den Namen ziemlich passend, nur das ich immer Angst habe, mit dem ganzen Unkraut auch die Radieschen und Mohrrüben auszureissen.

Eigentlich will ich ja nicht in die Politik abschweifen, aber ihr verfolgt in Deutschland sicher auch das ganze Drama des Präsidentenwahlkampfs hier. Ich habe ja manchmal das Gefühl, dass der Wahlkampf überhaupt nicht mehr aufhören wird, aber im November ist es endlich so weit. Den Obama haben die Demokraten ja jetzt auch endlich einstimmig zu ihrem Kandidaten gemacht und machen sich mit ihrem Hillary hin oder her nicht mehr zum Gespött der Republikaner. Hier in San Francisco sitzen wir ja in einer vom Rest Amerikas ziemlich isolierten Blase und mir fällt es oft sehr schwer die Denkweise dieses Rests zu verstehen. Da habe ich letzte Woche zum Beispiel eine – ernstgemeinte – Diskussion darüber gehört, dass Obama sich zu sehr als Messias präsentiert, wo ihn doch ein nicht geringer Prozentteil der Amerikaner für den Antichrist halten! Ich meine, in welchem Zeitalter befinden wir uns denn? Im Mittelalter? Dass viele ihn immer noch für einen Muslim halten und nach einer Fernsehdebatte mit McCain das wichtigste Thema war, ob er Patriot sein kann, wenn er keinen Flaggenanstecker am Revers hat, habt ihr ja in den deutschen Medien bestimmt auch schon gehört. Und vom Gegenteil überzeugen kann man die Leute, die derartige Meinungen haben, überhaupt nicht. Denn es hängt ja alles vom richtigen Glauben ab und der ist Beweisen und Tatsachen gegenüber immun. Viel machen kann man also nichts, sondern nur hoffen, dass es doch gut ausgeht und wir nicht nach Bush Senior und Bush Junior jetzt noch 4-Jahre einen Bush-Klon ertragen müssen.

Tja, das wäre es mal wieder, aber zum Abschluss, sozusagen als Nachtisch, hier noch eine Annonce, die mir letztens in der Zeitung aufgefallen ist: “Deity inherited of a spiritual house, original owner of Serendipity violated 20 years. Proof. Call 415-xxx-xxxx.”

Liebe Grüße,

Eure Daniela