Donnerstag, 19. Juni 2008

Wer quaelt da einen Hund?

Nachträglich noch etwas zum Thema Feiern: Vor ein paar Wochen kamen wir einmal am Abend etwas später nach Hause (bestimmt schon nach 10 Uhr). Als wir gerade die Haustüre aufschließen wollten, hören wir auf einmal ein eigenartiges Geräusch. Es klang also ob jemand einen Hund folterte. Wir sind wieder aus unserem Eingang heraus um zu sehen, was da los ist. Es hat ein bisschen gedauert bis wir das Geräusch geortet haben, aber schließlich haben wir es doch gefunden. Und was war es, fragt ihr euch jetzt sicher. Ein Dudelsackspieler im Eingang des Baubedarfsladens gegenüber von uns! Der war gerade dabei seinen Dudelsack aufzupumpen (oder wie immer man das nennt) und das war das Geräusch, das ein Dudelsack dabei macht. Kurz darauf fing er an richtig zu spielen. Ich kenne mich mit Dudelsackmusik nicht so gut aus und fand es garnicht mal schlecht, aber warum er spielte konnten wir leider nicht herausfinden. Ich nehme mal an, dass es nicht einfach ist, Dudelsack spielen zu lernen und dass, wenn man in einem Apartment wohnt, die Nachbarn nicht unbedingt die eigene Begeisterung für Dudelsackmusik teilen (oben erwähntes gefolterter Hund Geräusch sei da nur ein Beispiel). Dass man dann vielleicht lieber nicht in der eigenen Wohnung übt, ist mir verständlich. Mir ging es schon auf die Nerven als der Nachbar über uns anfing abends Gitarre zu üben und jedes mal, wenn ich an einem Haus vorbei gehe, wo gerade ein Kind Geige übt, rollen sich mir die Zehennägel auf. Aber warum man beschließt dass der Eingang des Baubedarfsladens um 10 Uhr abends mitten auf West Portal der ideale Probenraum ist, bleibt ein Rätsel. Wenn ich jetzt spekulieren soll und spekulieren tue ich ja gerne, dann würde ich sagen, dass es sich um ein archaisches Ritual der Baubedarfsladenbesitzer, die sich gegen große Ladenketten (in Deutschland Baumarkt, in Amerika Home Depot – oder wie viele sagen Home Despot) durchsetzen müssen, handelt. Wie schon früher die Dudelsackspieler die Feinde durch bloßes Musikspielen in Angst und Schrecken versetzt haben, so helfen sie jetzt den Baubedarfladenbesitzern die Konkurenz in Schach zu halten. Ich denke nur, dass vielleicht eine ganze Gruppe Dudelsackanfänger, die gemeinsam während der Ladenöffnungszeiten vor einem dieser besagten Home Despots üben, vielleicht noch effektiver wären. Und als kleine Nebenbemerkung zum Thema Dudelsack: in Anselms Familie, die ja schon mit zwei chinesisch sprechenden deutschen Familienmitgliedern und einem Vater, der mit über 60 das Einradfahren angefangen hat, etwas aus dem Rahmen fällt, gibt es natürlich auch einen Dudelsackspieler! Der spielt allerdings meines Wissens nach nicht vor Baubedarfsläden.

Tja, der Nachtrag ist jetzt doch ein bisschen länger als geplant geworden. Und weil ich gerade schon so viel Spaß habe, hier noch ein paar Kuriositäten aus der Bücherei. Wir haben endlich den Mann entlarft, der monatelang mit Urin gefüllte Plastiktüten in einem Papierkorb in der Bücherei hinterließ. Ich weiss nicht, ob ich schon von den Plastiktüten erzählt habe. Die tauchten auf einmal in der Bücherei auf, immer gegen Abend und immer im gleichen Papierkorb. Da Abends nicht mehr so viele Leute in der Bibliothek sind, hatten wir auch bald einen Verdächtigen. Das Problem war dann nur noch, dass wir keine Beweise haben und man natürlich nicht einfach auf jemanden zugehen kann und ganz beiläufig mal fragen kann, ob derjenige vielleicht gestern eine Urintüte in der Bücherei hinterlassen hat. Wir mussten ihn also auf frischer Tat ertappen und das war garnicht so einfach. Wenn man zu auffällig ist, dann tut er es nicht, wenn man aber nicht genau aufpasst, dann verpasst man die Abgabe und hat wieder keinen Beweis. Das zog sich dann wie gesagt einige Monate hin, aber schließlich hat ihn doch jemand ertappt und jetzt darf er ein halbes Jahr nicht mehr kommen.

Und weil ich gerade bei illegalen Vorgängen in der Bücherei bin, hier noch eine Story. Als ich gerade in Chinatown angefangen hatte, gab es einen Vorfall wo eine Minderjährige belästigt wurde und wir die Polizei holen mussten. Wir haben einen Bericht gemacht und da niemand von uns den Belästiger gesehen hatte (er hatte dem Mädchen einen Zettel mit seiner Telefonnummer gegeben), konnten wir nichts weiter machen. Die Polizei hat uns dann noch mitgeteilt, dass sie den Typen anhand seiner Telefonnummer ausfindig gemacht haben und das war es dann. Bis vor ein paar Wochen. Da habe ich nämlich eine Vorladung vors Gericht erhalten. Erst habe ich einen totalen Schreck bekommen, weil ich gedacht habe, dass mich jemand wegen, was weiss ich, vielleicht schlechter Auskunft oder unhöflichem Verhalten, verklagt hat, aber die Vorladung war “nur” als Zeugin. Der Typ kommt nämlich jetzt deswegen vor Gericht und da ich im Polizeibericht erwähnt bin, könnte ich als Zeugin vor Gericht gerufen werden. Bis jetzt war schon jemand von Büro der Staatsanwältin da und hat mich befragt und heute kam die vom Staat gestellte Verteidigerin vorbei und hat mir auch Fragen gestellt. Ich hoffe mal, dass es dabei bleibt. Ich habe absolut keinen Bock an einer amerikanischen Gerichtsverhandlung teilzunehmen. Aber, wie mir die Vorladung höflich mitgeteilt hat, habe ich dabei keine Wahl. Ich dachte immer, dass man, wenn so was in der Arbeit passiert, schon das Recht hat, das abzulehnen, aber da lag ich wohl falsch. Der Ermittler von der Staatsanwaltschaft hat mir schon einen tollen Tip gegeben, wie ich mich am besten verhalten soll. “Einfach die Wahrheit sagen,” soll ich. Da wäre ich alleine nicht drauf gekommen!

Mehr dazu – hoffentlich nicht – später.

Viele liebe Grüße aus dem wunderschön warmen und sonnigen San Francisco.

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