Sonntag, 10. Februar 2008

Gong xi fa cai!

Hallo,

Seit ich mich das letzte Mal gemeldet habe, seid ihr im St. Martins Umzug gelaufen, habt vom Nikolaus wahlweise eine Rute oder Schokolade bekommen, Weihnachtslieder gesungen, auf dem Christkindlsmarkt Glühwein getrunken, Geschenke ver- und ausgepackt, Raketen verschossen und Champagner getrunken und habt den Fasching überlebt. Alles in allem, ist es also schon eine ganze Weile her. Wir haben auch einige dieser Sachen gemacht und gerade das chinesische Neujahr gefeiert. Also keine Masken und Konfetti, sondern rote Geldumschläge, Löwentänze und Ahnenbeweihräucherung. Ist schon interessant, dass in San Francisco das chinesische Neujahr ein echter Feiertag ist. Vor allem natürlich in Chinatown, aber in den Schulen haben die Kinder frei – angeblich, weil die chinesischen Kinder sowieso nicht in die Schule kommen. Meine Bibliothek hat auch früher zu gemacht, wir müssen aber die Stunden vor- oder nacharbeiten. Aber da ich an dem Tag nicht gearbeitet habe, brauche ich mir da keine Gedanken zu machen. Einen Löwentanz für Glück im neuen Jahr hatten wir auch. Leider habe ich an dem Tag in einer anderen Bibliothek ausgeholfen und da haben sie den Löwen nicht in die Bibliothek gelassen. Wie er dann aber das Glück hineinbringen soll, ist mir nicht ganz klar. Und da bestimmt über die Hälfte der Leute in der Bibliothek Chinesen waren, hätte es ihnen bestimmt auch nichts ausgemacht, wenn es auf einmal ein bisschen lauter gewesen wäre. Und ich wäre auch wieder wach geworden. In dieser Bibliothek ist es nämlich ziemich langweilig, wenn man wie ich den Trubel der Chinatown Bibliothek gewohnt ist. Manche Bibliothekare wollen deswegen nicht in Chinatown arbeiten, aber mir ist es lieber, wenn es ein bisschen hektisch ist, als wenn garnichts los ist. Lesen oder private Emails schreiben darf ich nämlich dann trotzdem nicht, und den ganzen Tag Fachzeitschriften und bibliothekswissenschaftliche Blogs lesen macht mich auch verrückt.

Wie ihr dem Bild entnehmen könnt, ist dieses Jahr das Jahr der Ratte. Oder Maus, im Chinesischen unterscheiden sie da nicht. Genauso wie sie nicht zwischen Schafen und Ziegen unterscheiden, was ich schon ein bisschen komisch finde. Da viele Leute Ratten ja nicht unbedingt attraktiv finden – die echten Ratten natürlich, nicht die im Jahr der Ratte geborenen – habe ich auf Neujahrskarten und sonstigen Dekorationen neben vielen, sich nicht von Disney lizensierten Mickeymäusen auch viele Hamster gesehen. Die heissen auf Chinesich nämlich Packratten (freie Übersetzung meinerseits) und sind da schwanzlos für viele Leute nicht so angsteinflößend wie echte Ratten oder Mäuse. Falls ihr also dieses Jahr einen durch 12 teilbaren Geburtstag feiert oder Kinder kriegt, seid ihr oder eure Kinder Ratten (oder Mäuse oder Hamster, je nach persönlicher Vorliebe). Also doppelt alles Gute und gong xi fa cai (viel Glück und Reichtum)!

Und weil ich schon beim Thema Chinatown bin, kann ich auch gleich mit meinen lange vernachlässigten Stadtteilbeschreibungen fortfahren. Einige von euch waren ja schon in San Francisco – und die, die noch nicht hier waren, kann ich nur mal wieder einladen, doch mal vorbei zu schauen. Wenn ich nämlich plötzlich von hier wegziehen würde und ihr hättet mich bis dahin noch nicht besucht, würdet ich euch sicher ärgern, oder? Aber zurück zum Thema: Chinatown. Chinatown hat 2 Teile, eine Touristenchinatown mit Souvenirläden und Restaurants mit Bilderspeisekarten auf Grant Street und der echten Chinatown in allen kleinen Gässchen und Straßen drum herum. Stockton Street mit seinen Gemüse-, Fisch- und anderen Lebensmittelläden und kleinen Dimsum Restaurants mit handgeschriebenen (chinesisch natürlich) Speisekarten ist das Herz von Chinatown und am Nachmittag, besonders am Wochenende, kann man sich kaum durch die Menge der mit Plastiktaschen und Einkaufswägelchen beladenen Chinesen drängeln, die da ihre Einkäufe erledigen. Wenn sie damit fertig sind – zumindest kommt es mir so vor – dann fahren sie alle mit dem 30 Stockton Bus. Der Bus fährt quer durch die Stadt, wäre also eine attraktive Alternative zur von Touristen überfüllten Cablecar für Leute die auf die andere Seite von Chinatown müssen. Das Problem dabei ist nur die oben erwähnten mit Einkaufstaschen und -wägelchen beladenen Menschenmassen in Chinatown und überhaupt die Tatsache, dass der Bus durch Chinatown fährt. Da bewegt sich der Bus nämlich mit einer – von der Muni gemessenen – Geschwindigkeit von 3.6 Meilen pro Stunde, also etwa 5.8 kmh. Das kommt mir allerdings immer noch übertrieben schnell vor. Jedesmal wenn ich mit dem 30 Stockton fahre, sehe ich wie Leute mit Kleinkindern in den Bus einsteigen und am anderen Ende von Chinatown mit Teenagern wieder aussteigen und ich fühle mich ebenfalls um Jahre gealtert, wenn ich mich wieder aus dem Bus herausgequetscht habe. Wenn ich es überhaupt schaffe auszusteigen. Manchmal ist der Bus nämlich so voll, dass man besser weiter fährt als sein Leben beim Aussteigen zu riskieren. Weil wenn man aussteigen will muss man sich nicht nur durch die Menge der Menschen drängen, die schon im Bus sind, sondern ebenfalls wie ein Lachs durch Stromschnellen durch die Menschen, die versuchen mit ihren Einkaufstaschen, -wägen und Kleinkindern noch einen Platz im überfüllten Bus zu finden. Also eine viel erlebnisreichere und vor allem billigere Erfahrung als die Cablecar!

In diesem Sinne, viele liebe Grüße,

Eure Daniela

1 Kommentare:

Am/um 10. Februar 2008 11:13 , Blogger anselm meinte...

Schoen hast du das Leben in San Francisco geschrieben! Danke!

 

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