Kantonesisch
Ich wollte mich schon lange mal wieder melden, aber in letzter Zeit war einfach zu viel los. Dabei denke ich mir oft, „darüber könnte ich gut was schreiben“. Meistens vergesse ich das dann sofort und ihr werdet es nie erfahren. Andere Male schreibe ich es mir auf – oft auf kleine Zettelchen, die ich dann prompt verliere, oder in so kryptischer Weise, dass ich ein paar Tage später keine Ahnung mehr habe, was ich damit meinte. Wenn ich es überhaupt lesen kann – jede/r die/der schon mal einen Brief oder Postkarte von mir erhalten hat, kann jetzt wissend nicken. Das geht mir übrigens nicht nur mit den Berichten an euch so, sondern ich mache das auch bei Ideen für Bilder, Lesevorschläge und Seminararbeiten so. Am besten ist es immer, wenn ich mitten in der Nacht aufwache und einen Geistesblitz habe – oder zumindest in meinem schlafwanderlischen Zustand denke, dass es sich um einen Geistesblitz handelt – mich aus meinen Kissen wühle, zu meinem Schreibtisch taste und, am besten im Dunkeln damit Anselm nicht aufwacht, meine Gedanken aufschreibe. Am nächsten Morgen versuche ich dann zu entziffern, was ich geschrieben habe, aber selbst wenn ich es lesen kann, macht es selten Sinn. Eigentlich müsste ich die Produkte dieser nächtlichen Schreibanfälle aufheben, aber ich habe Angst, dass ein Psychologe die irgendwann mal in die Finger kriegt und mich für komplett durchgeknallt hält.
Aber genug von Sachen über die ich schreiben könnte, wenn ich denn wüsste, worum es sich handelt und zu Dingen, an die ich mich noch erinnern kann. Bevor ich auch die vergesse!
Dass es bei mir im Moment so rund geht, liegt daran, dass ich mir zusätzlich zu meiner Arbeit in der Chinatown Stadtteilbücherei, bei der es sich ja nur um eine Teilzeitstelle handelt, noch 2 Projekte angelacht habe. Das eine ist wieder der Kurs in Geschichte der chinesischen Medizin, den ich schon ein paar Mal unterrichtet habe. Das andere ist ein Kurs an der Dominikan University zum Thema Bibliotheksbenutzung und Internetrecherche. Zu dem Kurs bin ich eher zufällig gekommen. Ich hatte mich im Frühjahr auf eine Stelle in der Bibliothek der Dominican University beworben, bin aber nicht einmal zum Vorstellungsgespräch eingeladen worden. Deswegen war ich sehr überrascht, als sie mir vor ein paar Monaten auf einmal gemailt haben und mir angeboten haben, den Kurs zu unterrichten. Da ich das schon immer mal ausprobieren wollte, habe ich natürlich gleich ja gesagt und bin auch prompt genommen worden. Aber da ich so einen Kurs zum ersten Mal unterrichte, ist die Vorbereitung der Stunden sehr zeitaufwendig. Es ist eine komische Mischung von vorgegebenen und meinen eigenen Materialien, was die Vorbereitung nicht unbedingt erleichtert. Einerseits finde ich es gut, dass ich eine Struktur habe, an die ich mich halten kann, andererseits würde ich oft einen anderen Schwerpunkt legen, kann aber nicht, weil meine Studenten sonst die vorgeschriebene Hausaufgabe nicht machen können. Trotz allem macht es mir aber viel Spass und ich hoffe, dass sie mich nächstes Semester wieder brauchen können. Ich denke auch (hoffe), dass es beim nächsten Mal einfacher wird, weil ich ja schon eigenes Material habe, das ich verwenden kann. Das ist bei meinem Geschichtskurs der Fall, auch wenn ich mich natürlich jedes Mal wieder vorbereiten muss. Dieses Mal wäre ich beinahe eine Woche zu spät dran gewesen, habe aber glücklicherweise am Wochenende vor Kursbeginn noch mal nachgeschaut. Das wäre wirklich sehr peinlich gewesen.
Die zwei Kurse zu unterrichten ist schon spannend, vor allem weil es sich um so unterschiedliche Themen handelt auch sie auch noch am gleichen Tag statt finden. Diese Woche zum Beispiel habe ich am Donnerstag morgen in Oakland 2,5 Stunden lang von Daoisten, Unsterblichkeitstränken und buddhistischen Exorzisten erzählt und mich dann am Abend in San Rafael eine Stunde lang mit Datenbanken, Primär- und Sekundärquellen und dem Beurteilen von Webseiten herum geschlagen.
Interessant an den beiden Kursen sind vor allem die Unterschiede zwischen den Studenten. In dem Geschichtskurs gibt es Piercings und Tattoos und alle trinken sehr gesund aussehende Kräutertees, in der Dominikan Universität sehen die Studenten alle recht normal aus und studieren auch normalere Sachen. Dass es sich bei der Dominikan Universität um eine katholische Uni handelt, habt ihr euch wahrscheinlich schon gedacht. Dass ich jetzt in einer katholischen Uni unterrichte finde ich doppelt witzig, nicht nur weil ich in Taiwan auch an einer katholischen Uni war, wo die Studenten im Englischunterricht die Bibel lesen sollten, sondern weil meine Schwester dieses Schuljahr ebenfalls in einer katholischen Schule angefangen hat. Anders als an der Fujen Universität in Taiwan habe ich hier keine Missionare in meinem Kurs, aber ein Nonnenkloster gehört bei beiden Unis dazu. Man bemerkt bei der Dominikan Universität das katholische nicht gleich, aber als ich in meiner letzten Stunde das Ausschließen von bestimmten Begriffen bei der Bibliotheksrecherche demonstrieren wollte und nach „Religion NOT catholic“ gesucht habe, erhielt ich 0 Resultate! In meinem anderen Kurs besteht eher Interesse an Daoismus und Buddhismus. Eine Studentin aus China allerdings will ihren Aufsatz über die bisher verheimlichte christlichen Einflüsse auf die chinesische Kultur schreiben, wonach Konfuzius angeblich die Bibel studiert hat. Hmh, ich weiss noch nicht genau, wie ich sie zu einem anderen Thema überreden kann, aber ein bibellesender Konfuzius ist leider nicht akzeptabel. Das ist immer schwierig bei derartigen Themen, weil eines der Hauptargumente dieser Theorien ja immer ist, dass diese Theorien verheimlicht und unterdrückt werden. Wenn man sie also kritisiert, wird man leicht zu den „bösen“ Verheimlichern und Unterdrückern gezählt.
Und weil ich noch nicht genug zu tun habe, habe ich Anselm zu einem gemeinsamen Kantonesischkurs überredet (gezwungen?). In Chinatown spricht nämlich die Mehrheit der Leute Kantonesisch und da verstehe ich noch nicht mal Bahnhof (ha, ha). Auch wenn sie Hochchinesisch sprechen, haben sie einen so starken Akzent, dass ich mir gedacht habe, dass mir der Kurs wenigstens helfen sollte ihr Hochchinesisch zu verstehen, wenn ich es nicht schaffe mir mehr als ein paar Sätze Kantonesisch anzueignen. Das ist nämlich wirklich nicht einfach. Ich fand ja schon die 4 Töne im Hochchinesisch übertrieben und kann auch heute die Töne allerhöchstens unbewusst richtig aussprechen. Und jetzt soll ich im Kantonesischen 7 Töne unterscheiden und richtig aussprechen lernen! Und während sich die 4 Töne nur durch die Intonation unterscheiden (flach, fallend, steigend und fallend-steigend) gibt es im Kantonesischen zum Beispiel einen hohen flachen, einen mittleren flachen und einen tiefen flachen Ton. Man muss also richtig singen! Wenn die Töne schön in einer Reihe sind, kann ich sie schon unterscheiden, aber wenn die 7 Töne in einem Satz so richtig durcheinander gewirbelt werden, habe ich keine Chance mehr! Naja, wir haben auch erst 1 Monat Unterricht hinter uns, vielleicht gibt es ja noch Hoffnung. „Bibliotheksausweis“ und „Ich verstehe kein Kantonesisch“ kann ich auf jeden Fall schon und benutze es auch regelmäßig in der Arbeit.
Zum Thema Sprachenlernen fällt mir noch etwas ein, was ich euch schon lange einmal erzählen wollte. Vor einer Weile saßen Anselm und ich in einem japanischen Nudelrestaurant neben einem Paar und überhörten folgenes Gespräch: „I could of course talk to the waitress almost entirely in Japanese, but I feel highly uncomfortable talking to someone in a language that is their native language but not mine.“ Ich musste mich echt zusammenreißen, um ihn nicht zu fragen, warum er denn dann überhaupt eine Fremdsprache lernt. Das kommunizieren mit Leuten in ihrer Muttersprache ist doch eigentlich der Grund warum man sich die ganz Mühe mit den Vokabeln und der Grammatik und den 7 Tönen macht. Oder habe ich da was falsch verstanden? Wenn ja, dann ist es ja gut, dass Anselm auch in den Kurs geht, denn da es sich ja bei Kantonesisch für uns beide um eine Fremdsprache handelt, müssen wir uns nicht unwohl fühlen, wenn wir uns in Kantonesisch unterhalten. Falls wir irgendwann mal so viel Kantonesisch gelernt habe, dass wir ausser uns gegenseitig nach dem Namen und dem Herkunftsland zu fragen noch über andere Dinge reden können.
In diesem Sinne, joigin!
Labels: Geschichte der chinesischen Medizin Unterrichten, Kantonesisch

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