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PETER RÜEDI: Jazz Plus
Sieben Umwege zum Kern der Sache
Der Mangel ist die Mutter der Erfindung. Es muss einer ja nicht gleich verhungern,
um in die Musikgeschichte einzugehen, aber sicher ist Hunger im übertragenen
Sinn
der bessere Motor der Phantasie als Sattheit. Dachte sich auch der Tenorsaxophonist
Ellery Eskelin, der mit seinen nunmehr 38 Jahren auch schon ein Stück Biographie
hinter sich hat. Er nahm mit dem Gebhard Ullmann Quartett auf und mit dem Joey
Baron Trio, mit der Gruppe Joint Venture, mit Tom Varner, Mark Helias, Ray
Anderson und George Gruntz. Er spricht, wie viele seiner Generation, viele
Sprachen, aber in allen schwingt sein eigener Ton, sein Akzent, seine Sprachmelodie.
Für die CD, die Werner Uehlinger als eine der ersten seines neugeborenen Labels
hat ediert hat ( hatOLOGY heisst die neue, soft verpackte Serie), verfasste
er
gleich selbst die Liner Notes. Darin denkt er nach, was sich verändert hat
seit den
Tagen, als seine Mutter in den sechziger Jahren im heimatlichen Baltimore als
Organistin oft monatelang im gleichen Club ihre gleiche Musik spielen konnte.
Musiker meiner Generation mussten kreative Umwege um den Arbeitsmangel herum
erfinden. Es gibt heute viel mehr Musiker, die ihre eigene Musik schreiben,
ihre
eigenen Konzepte entwickeln. Es gibt auch eine eigentliche Explosion von
unabhängigen Labels. Sogenannter alternativer Rock und Punk haben dem Jazz
ein
neues Publikum verschafft, jüngere Leute denn je. (...) Wir arbeiten in einer
Vielzahl
von verschiedenen Zusammenhängen, und unsere Zuhörer sind ihrerseits eklektischer
denn je.
Angenehm, wenn da einer mal nicht jammert oder sich selbst als verkanntes Genie
beklagt, wo er doch seine Musiken (der Plural trifft's) ohne Rücksicht auf
die grosse
Kasse auf den Punkt bringt. Eskelin und seine Partner (die Akkordeonistin,
Pianistin,
Organistin Andrea Parkins und der Perkussionist Jim Black) haben zuviel Humor,
als
dass man die Band eine Selbsterfahrungsgruppe nennen möchte, aber natürlich
ist sie
auch dies. Nach einer längeren Europatournee spielten die drei in Wuppertal
vor
ziemlich genau einem Jahr sieben Titel ein, die keinen moderierten Ablauf ergeben
mit Übergängen und Conférencen, vielmehr eine Sammlung scharf gegeneinander
abgesetzter, in sich geschlossener kollektiver improvisierter Formen. Und insgesamt
eben doch so etwas wie ein Potpourri. Eskelin verwendet, was ihm aus dem Fundus
gerade als brauchbar zufliegt, zieht an seiner imaginären Orgel mal das Register
Rollins und mal die Vox coelestis des Balladen-Coltrane, mal einen rabenschwarzen
Texas-Tenor-Ton und mal den Lyrismus eines Joe Henderson; mal heult er scharf
am
Wind resp. Beat im erdigsten Blues daher, und handkehrum flippt er in wilde
Free-Eskapaden und Geräusch-Collagen aus. Seine Band ist dem allem in jedem
Moment gewachsen. Ein Kunstwerk entsteht wie ein Quilt, in welchem die einzelnen
Fetzen zwar noch ein Stück Geschichte repräsentieren, aber insgesamt eben etwas
anderes, ganz Neues ergeben. Sieben schöne Umwege zum Kern der Sache.
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